Wissenschaftliche Politikberatung

Josef Schrader & Fabian Rüter

DOI: https://doi.org/10.35468/wbeb2022-298

„Beratung“ lässt sich in einem allgemeinen Sinne als die Bereitstellung bzw. die Erarbeitung von Informationen interpretieren, die der Vorbereitung von Entscheidungen dienen. W. P. stellt Informationen und Handlungsempfehlungen für politisch Handelnde und Entscheidende zur Verfügung, die im politischen System oder auch in der Zivilgesellschaft (Gesellschaft) agieren, als Verbands- oder Interessenvertreter. Sie unterscheidet sich von anderen Formen der Politikberatung (z. B. durch Lobbyisten oder Medienberater) darin, dass sich die Beratung auf Erkenntnisse der Forschung stützt bzw. wissenschaftliche Methoden (Forschungsmethoden) zur Vorbereitung und Begleitung von Beratungs- und Entscheidungsprozessen nutzt (Falk et al., 2019).

Den Kern wissenschaftlicher P. bilden jene Beratungspraxen, die (1) nicht nur fallbezogen und gelegentlich, sondern in institutionalisierter Form stattfinden, (2) denen eine einvernehmliche Verständigung zwischen Beratenden und Beratenen vorangeht und die (3) von einer festgelegten Dauer sind (Schrader, 2015). Um das Verhältnis von Wissenschaft und Politik in Beratungsprozessen zu beschreiben, haben die Sozialwissenschaften eine Vielzahl von Modellen entwickelt. So wird z. B. eine technokratische (Politik wird auf ein Vollzugsorgan wissenschaftlicher Erkenntnisse reduziert) von einer dezisionistischen (Politiker berufen sich ausschließlich interessengeleitet auf wissenschaftliche Befunde und verwenden wissenschaftliches Wissen instrumentell) und einer pragmatistischen (es finden eine gleichberechtigte Kommunikation und ein diskursiver Austausch (Diskurs) zwischen Wissenschaft und Politik statt) Form der w. P. unterschieden (Kevenhörster, 2021).

Im Bildungsbereich hat w. P. in den vergangenen Jahrzehnten als Tätigkeitsfeld und auch als Forschungsgegenstand an Bedeutung gewonnen. Sowohl das Tätigkeitsfeld als auch die Angebots- und Nachfrageseite haben sich ausdifferenziert (Falk et al., 2019). Als Gründe dafür werden die Ausweitung und Veränderung staatlicher Aufgaben und Funktionen, die inhaltliche Ausdifferenzierung und Spezialisierung von Wissenschaft sowie die Diversifizierung der Institutionen und Akteure, die wissenschaftliches Wissen produzieren, genannt (Weingart, 2019).

Der Zugang zu wissenschaftlicher P. ist weder durch Approbationsordnungen noch durch spezifische Nachweise geregelt (Falk et al., 2019). So wird Politikberatung von Beratungsfirmen, wissenschaftlichen Instituten, Stiftungen, Kommissionen, Beiräten, Thinktanks, Einzelpersonen oder auch Marktforschungsinstituten angeboten (Kevenhörster, 2021). Die Beratung kann sich je nach institutioneller Ausgestaltung an unterschiedliche Adressatinnen und Adressaten richten. Zentrale Akteure auf der Nachfrageseite sind Ministerien, Regierungen, Parteien, Politikerinnen und Politiker sowie Verbände und Unternehmen (Falk et al., 2019).

Die Inhalte wissenschaftlicher P. können anhand einer Systematisierung des Politikbegriffs differenziert werden. Folgende Dimensionen von Politik werden unterschieden: Polity (Beratung zur institutionellen Gestaltung eines politischen Systems, z. B. bei Reformen), Politics (kommunikativ-strategische Beratung politischer Prozesse) und Policy (Beratung zu Politikinhalten in unterschiedlichen Politikfeldern) (ebd.).

Nach Kevenhörster (2021) können zwei grundlegende Funktionen von P. differenziert werden: (1) W. P. kann Informationsdefizite von Verwaltung und Politik durch Gutachten und sonstige Hinweise beseitigen, und/oder (2) sie kann durch empirische Analysen bereits vollzogene Handlungen fachlich legitimieren oder beabsichtigte politische Entscheidungen bestätigen. Eine differenziertere Unterscheidung der Verwendung wissenschaftlichen Wissens in der Politik bietet Gornitzka (2013):

  1. Im Modus eines Instruments für Politikentwicklung wird Forschung verwendet, um mögliche Folgen der von der Politik angestrebten Ziele zu ermitteln und zu bewerten.
  2. Im Modus der strategischen Nutzung verwendet Politik Forschungsergebnisse, um Entscheidungen und Handlungen durch empirische Analysen zu legitimieren.
  3. Im Modus der konzeptuellen Nutzung wird die Art und Weise, wie politische Entscheidungsträger über gesellschaftliche Phänomene und kausale Zusammenhänge denken, durch Forschungsergebnisse beeinflusst.
  4. Im Modus von Forschung als Beobachtung fungiert Forschung als Monitor gesellschaftlicher Entwicklungen, um auf unterschätzte, übersehene oder zukünftige Pro­ble­me aufmerksam zu machen.
  5. Im Modus des Agenda Settings beeinflusst Forschung die politische Agenda, indem sie die Aufmerksamkeit der Politik auf bestimmte Themen lenkt.
  6. Von einem Modus symbolischer Nutzung kann gesprochen werden, wenn politische Entscheidungsträger lediglich Forschungsergebnisse anfordern und Forschungsberichte bestellen, sammeln und speichern.

Mit der Institutionalisierung wissenschaftlicher P. geht nicht nur eine Ausdifferenzierung der Funktionen, sondern auch eine Ausdifferenzierung der Formen einher (Schrader, 2015): So reichen die Formen wissenschaftlicher P. in der Geschichte der Erwachsenen- und Weiterbildung von einer zumeist durch universitäre oder außeruniversitäre Forschungsinstitute (mit-)geleisteten, kontinuierlichen und seismografischen Bildungs­bericht­erstattung, wie im Nationalen Bildungsbericht, im Adult Education Survey, im Continuing Vocational Training Survey oder im Deutschen Weiterbildungsatlas, über anlassbezogene Expertenkommissionen, wie dem Deutschen Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen (1953–1965), dem Deutschen Bildungsrat (1965–1975), der Expertenkommission zur Finanzierung Lebenslangen Lernens (2004), dem Forum Bildung (1999–2011), der Konzertierten Aktion Weiterbildung (seit 1987), dem Rat der Weiterbildung – KAW (seit 2005) oder dem Innovationskreis Weiterbildung (2008) bis hin zur projektbezogenen Auftragsforschung wie der Systemevaluation der Weiterbildungsgesetzgebung (Recht der Weiterbildung) in Bundesländern oder der Begleitung bildungspolitischer Reformen (Bildungsreformen) wie dem Programm „Lernende Regionen“ (2001–2008).

Blickt man auf die Historie wissenschaftlicher P. im Bildungsbereich, so zeigt sich ein deutlicher Wandel. Die Entwicklung reicht von zentralen und bundesweit agierenden Beratungsgremien wie dem Deutschen Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen oder dem Deutschen Bildungsrat, die für begrenzte Zeitphasen Gutachten erstellten und Empfehlungen aussprachen, zu einem ausdifferenzierten System der Kooperation zwischen Wissenschaft und Politik v. a. seit den 1990er Jahren (Tenorth, 2014). Die Leistungen, die Wissenschaft für Politik erbringt, bestehen in der Beobachtung, in der Diskussion von Konsequenzen von (ausgebliebenen) Entscheidungen sowie in der Entwicklung und Prüfung von Alternativen. Im Gegenzug zur Initiierung wissenschaftlicher P. erbringt Politik vielfältige Leistungen für die Wissenschaft, die Tenorth (ebd.) nach vier Dimensionen differenziert:

  1. die Institutionalisierung der Bildungsforschung auch außerhalb von Hochschulen, z. B. in der Max-Planck-Gesellschaft oder der Leibniz-Gemeinschaft,
  2. die oft wettbewerbsbasierte finanzielle Förderung von Forschung, z. B. im Rahmenprogramm Empirische Bildungsforschung,
  3. die Evaluation von Forschungsleistungen sowie
  4. die Nutzung von Forschungskompetenzen und -befunden auf unterschiedlichen politischen Handlungsebenen, z. B. in der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz.

Die Institutionalisierung von wissenschaftlicher P. bringt zugleich die Entwicklung von Standards bzw. Prinzipien mit sich, die vornehmlich von beratenden Institutionen entwickelt werden (Falk et al., 2019). So hat z. B. die Leibniz-Gemeinschaft „Leitlinien wissenschaftlicher Politik- und Gesellschaftsberatung“ erarbeitet. Als anerkannte Grundsätze gelten Distanz, Pluralität, Transparenz und Öffentlichkeit (Weingart & Lentsch, 2008).

Auffallend ist, dass bislang kaum empirische Studien zu der Frage vorliegen, ob bzw. in welchen Formaten w. P. zu einer Rationalisierung politischer Entscheidungen und Handlungen im Bildungsbereich beigetragen hat. Dies stellt für die w. P. ebenso ein Forschungsdesiderat dar wie die Analyse des Einflusses, den Beratungs- und Beobachtungsangebote inter- und supranationaler Akteure wie der Europäischen Union oder der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) auf die nationale w. P. ausüben.

Literatur

Falk, S., Glaab, M., Römmele, A., Schober, H. & Thunert, M. (2019). Politikberatung – eine Einführung. Kontexte, Begriffsdimensionen, Forschungsstand, Themenfelder. In S. Falk, M. Glaab, A. Römmele, H. Schober & M. Thunert (Hrsg.), Handbuch Politikberatung (S. 3–24). Wiesbaden: Springer VS.

Gornitzka, Å. (2013). The interface between research and policy – a note with potential relevance for ­higher education. European Journal of Higher Education, 3(3), 255–264.

Kevenhörster, P. (2021). Politikberatung. In U. Andersen, J. Bogumil, S. Marschall & W. Woyke (Hrsg.), Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland (Reihe Springer Reference Sozialwissenschaften, 8., überarb. u. erw. Aufl., S. 720–727). Wiesbaden: Springer VS.

Schrader, J. (2015). Tat und Rat in der Weiterbildung. Formen und Funktionen wissenschaftlicher Politik­beratung im Wandel. Hessische Blätter für Volksbildung, 65(1), 27–45.

Tenorth, H.-E. (2014). Politikberatung und Wandel der Expertenrolle oder: Die Expertise der Erziehungswissenschaft. In R. Fatke & J. Oelkers (Hrsg.), Das Selbstverständnis der Erziehungswissenschaft.
Geschichte und Gegenwart
(Zeitschrift für Pädagogik, Beiheft 60, S. 139–171). Weinheim: Beltz Juventa.

Weingart, P. (2019). Wissensgesellschaft und wissenschaftliche Politikberatung. In S. Falk, M. Glaab, A. Römmele, H. Schober & M. Thunert (Hrsg.), Handbuch Politikberatung (S. 67–78). Wiesbaden: Springer VS.

Weingart, P. & Lentsch, J. (2008). Wissen – Beraten – Entscheiden. Form und Funktion wissenschaftlicher Politikberatung in Deutschland. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

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