Jüdische Erwachsenenbildung

Micha Brumlik

DOI: https://doi.org/10.35468/wbeb2022-156

Die Besonderheit gegenwärtiger jüdischer E. in Deutschland, die sich an ein jüdisches aber auch an ein nicht-jüdisches Publikum wendet, ist v. a. das Ziel, die oftmals unbekannte jüdische Tradition – in Glaube und Kultur – bekannt zu machen, sowie insb. Jüdinnen und Juden dazu zu ermutigen, sich selbstbewusst zu dieser Tradition zu bekennen.

Eine ausdifferenzierte Erwachsenenbildung kennt das orthodoxe, religiöse Judentum seit den rabbinischen Zeiten der späten Antike nicht. Das Studium von Talmud und Tora war und ist noch immer eine religiöse Pflicht, der alle Erwachsenen nachzukommen haben. In den talmudischen „Sprüchen der Väter“ heißt es: „Verschaffe Dir einen Lehrer!“

Jedoch wurde 1920 das Freie Frankfurter Jüdische Lehrhaus gegründet, das als Prototyp zeitgemäßer jüdischer E. im Rahmen einer modernen pluralistischen Gesellschaft bezeichnet werden kann. Diese ursprünglich von Rabbiner Anton Nehemia Nobel gegründete jüdische Volkshochschule wurde unter dem Namen „Frankfurter Jüdisches Lehrhaus“ schnell zum bedeutendsten Zentrum erneuerten jüdischen Denkens in der Weimarer Republik. Es wurde von 1920 bis 1921 vom jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig geleitet, der sich – nach seiner Militärzeit im Ersten Weltkrieg an der mazedonischen Front – in Frankfurt a. M. niederließ. Dort gründete er diese neuartige Erwachsenenbildungsinstitution, an der er gemeinsam mit angesehenen jüdischen Gelehrten eine Renaissance jüdischen Denkens einleitete. Auch erhielten dort bedeutende linke Intellektuelle jener Jahre ihre erste Prägung; so gehörten später der Kritischen Theorie zugerechnete Personen wie Siegfried Kracauer, Leo Löwenthal und der spätere Literaturnobelpreisträger Samuel Joseph Agnon dem Lehrhaus an. Zugleich war das Frankfurter Jüdische Lehrhaus ein Ort, an dem Fragen des aufblühenden Zionismus debattiert wurden.

Bis zu der von den Nationalsozialisten erzwungenen Schließung im Jahr 1938 (Geschichte der E. in Deutschland – von 1933 bis 1945) wurde das Jüdische Lehrhaus zunehmend zu einem Ort des Überlebens für die jüdische Bevölkerung der Stadt. Martin Buber, der auf Grund einer schweren Erkrankung von Franz Rosenzweig das Lehrhaus im Jahr 1921 als neuer Leiter übernahm, lud noch im Jahr 1937 den jüdischen Gelehrten und Religionsphilosophen Abraham Jehoschua Heschel ans Lehrhaus ein. Heschel entstammte dem chassidischen Milieu. Bis zu seinem Ruf ans Frankfurter Lehrhaus hatte Heschel als Lehrer der Erwachsenenbildung in Berlin gewirkt, konnte aber nur bis 1938 in Frankfurt a. M. lehren, bevor er 1939 in die USA emigrierte.

Auch der Pädagoge Ernst Simon, der vor seiner Emigration nach Palästina am Lehrhaus tätig war, blieb diesem verbunden, indem er auf Bitten Bubers 1934 für ein halbes Jahr nach Frankfurt a. M. zurückkehrte. In Palästina war Simon Mitglied des linken Friedensbunds Brith Schalom, der für eine Verständigung zwischen Juden und palästinensischen Arabern eintrat. Diesem Bund gehörte ein weiteres ehemaliges Mitglied des Lehrhauses an: Gerschom Scholem. Am Lehrhaus gab und erhielt zudem die – als „Freuds Anna O.“ bekannt gewordene – jüdische Feministin Bertha Pappenheim wichtige Denkanstöße.

Das Modell des Lehrhauses ließ sich in der Nachkriegszeit nicht auf demselben Niveau wiederherstellen. Stattdessen hielt der Zentralrat der Juden in Deutschland in den 1970er Jahren sog. Jugend- und Kulturtage in unterschiedlichen westdeutschen Städten ab. Hierbei handelte es sich um Vorträge und Diskussionsgruppen, die sich v. a. an Schülerinnen und Schüler sowie Studierende wandten. Auch gegenwärtig bieten größere jüdische Gemeinden Weiterbildungsmaßnahmen an, z. B. Sprachkurse für Deutsch, speziell für Zugewanderte aus der ehemaligen Sowjetunion (Deutsch als Zweitsprache), sowie für Hebräisch für ein allgemeines Publikum (Fremdsprachen), aber auch Grundlagenkurse zur jüdischen Religion (konfessionelle Erwachsenenbildung).

Am Frankfurter Jüdischen Lehrhaus wurden seinerzeit wesentliche Impulse für inner­jüdische Debatten um kulturelle, religiöse und politische Belange des Judentums gesetzt. Weder in der allgemeinen Erwachsenenbildung noch der Intellektualgeschichte wird sich eine zweite „Volkshochschule“ finden lassen, die zu einem solchen Ausgangsort geistiger Wiedergeburt wurde.

Die im Aufbau befindliche Jüdische Akademie in Frankfurt a. M. unter der Leitung von Prof. Dr. Doron Kiesel könnte künftig an die Stelle treten, die das Freie Frankfurter Jüdische Lehrhaus einst innehatte. Die Akademie ist eine jüdische Bildungseinrichtung, die sich aus der 2012 gegründeten Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland entwickelt und sich in die Tradition des Jüdischen Lehrhauses stellt. Sie soll im Jahr 2024 ihren Betrieb aufnehmen. Seit dem Holocaust wird sie die erste jüdische Bildungseinrichtung mit überregionaler Bedeutung in Deutschland sein.

Literatur

Adunka, E. & Brandstätter, A. (1999). Das jüdische Lehrhaus als Modell lebensbegleitenden Lernens. Wien (AT): Passagen.

Rosenzweig, F. (2002). Die „Gritli“-Briefe. Briefe an Margrit Rosenstock-Huessy (hrsg. v. I. Rühle & R. Mayer).
Tübingen: BILAM.

Schivelbusch, W. (1982). Intellektuellendämmerung: Zur Lage der Frankfurter Intelligenz in den zwanziger Jahren. Frankfurt a. M.: Insel.

Schmied-Kowarzik, W. (2005). Rosenzweig, Franz. In Bayerische Akademie der Wissenschaften – Historische Kommission. (Hrsg.), Neue Deutsche Biographie (NDB) (Bd. 22: Rohmer–Schinkel, S. 86–87). Berlin: Duncker & Humblot.

Intersektionalität
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